XV. Liebesbrief



Meine Alma, kaum an's Ziel der außerordentlichen Anstrengungen Deiner beschwerlichen Reise gelangt, hast Du Dich mit mir beschäftigt, um mir durch Deinen Brief die köstlichsten Trostworte zu senden. Die Freude wird krampfhaft in meinem Herzen zurückgehalten, als ob es dieses flüchtige Gut, welches ein Hauch ihm rauben kann, nicht auszuströmen wagte. Das Glück, dessen Möglichkeit Du mich in der Zukunft erblicken lässt, ist so wünschenswert, dass das Schicksal mir kein höheres gewähren könnte. Deine Güte hat mir einen gerechten Stolz eingeflößt; ich kann mir keinen Zweck des Daseins vorstellen, als durch Dich, und ich würde mich für gescheitert mit meinen Gefühlen halten, wenn sie mich zu einem andern Gegenstande hinzögen; glaube daher nicht, dass sie sich je verändern könnten; ich habe Dir eine unverbrüchliche Neigung geweiht. Alma, ich habe nur einen Gedanken, einen Wunsch, und der bist Du; fern von Deinen Augen ist das Leben für mich nur eine Reihe von Schmerzen, nur Langeweile. So verrinnen Stunden ohne Ende, traurige Tage, ohne gegründete Hoffnung, ohne Zukunft! Du forderst mich auf, meine Einbildungskraft zu zügeln; Du sagst mir, dass Du alle Kräfte der Vernunft angewandt hast, um in Dir selbst überspannte Gefühle zu unterdrücken. Deine Seele kann, wie ich nicht zweifle, mehr als irgend eine andere, eine glühende und aufrichtige Zärtlichkeit empfinden; glücklich der, welcher Dir sie einzuflößen vermocht, und das bezaubernde Glück Deiner Liebe von Dir erlangt hätte! wenn er Dich zu schätzen wüsste, so könnte ihm keine andere Frau gefallen! Aber gibt es einen Mann, der Deiner Liebe wert wäre? ich glaube es nicht; Du bist mit einer so ausnahmsweisen Überlegenheit begabt, dass im Vergleich zu Dir, Du fürchten musst, nur gemeinen Seelen zu begegnen, deren Vorurteile und Leidenschaften, wenn Du ihre Huldigungen annähmest, Dich unglücklich machen würden; denn wenn eine hohe Natur sich in Berührung mit einem mittelmäßigen Wesen befindet, das sie nicht richtig erfassen kann, so sucht es, da es sich nicht zu ihr erheben kann, sie herabzuziehen! Und wenn Du einer blinden Neigung nachgäbest, so würde sie eher auf einen Mann fallen, welcher Deine Seele durch den mächtigen Einfluss des Kontrastes unterjochte; das heißt, auf einen Mann, der das Herz und die Schlauheit eines Dämons besäße, und Dich, wie die scheußliche Schlange ihre Beute, fesselte. Es gibt keine Gefahr, der ich mich nicht aussetzen würde, um Dich aus solchem Unglück zu retten! Möge der Anteil des Glücks, welcher mir von der Vorsehung beschieden ist, meiner Alma gegeben werden, um sie vor selbstsüchtigen, falschen und boshaften Menschen zu bewahren. Ich lebe hier in einer vollständigen Zurückgezogenheit; ich gehe selten zu E..., und nur, um nicht das Ansehen zu haben, als wollte ich mich von ihr entfernen. Diese Person scheint mir von sehr diplomatischem Charakter, was nicht mit meinem offnen und leidenschaftlichen Wesen stimmt. Sie besitzt in einem hohen Grade die Kunst geschickter und zweideutiger Anspielungen, welche unbestimmte und schmerzhafte Befürchtungen erzeugen, ohne dass man ihr jedoch vorwerfen könnte, dass sie gerade Böses sagt. Aber jetzt, wo ich Deines Vertrauens gewiss bin, berühren mich die Worte und Handlungen Anderer wenig. Lebe wohl, meine Alma, genieße des süßen Vergnügens, in der Hauptstadt der Welt bewundert zu werden. Möge Alles in Erfüllung gehen, was Dein Dasein beglücken kann! Nimm Deine Gesundheit recht in Acht; strenge sie nicht durch das Übermaß der Arbeit an; und wenn Du nicht mit Deiner Kunst und Deinen geselligen Verbindlichkeiten beschäftigt bist, wenn Du einen Augenblick des far niente hast, so denke ein Wenig an Deinen Freund, für den Deine Briefe die einzige Freude sind. Ich habe den letzten unzählige Male wieder gelesen; seine sanften Worte beleben mein Dasein wieder; ich werde diesen geliebten Brief stets auf meinem Herzen tragen.


