XIV. Liebesbrief





Ich habe mich Deinem gerechten Willen gefügt, ich habe nicht mehr versucht, Dich zu sprechen und Deine Hand noch einmal zu drücken. Ich habe Dich im Augenblicke Deiner Abreise von einem Orte aus gesehen, wo ich selbst nicht bemerkt werden konnte. Du nähertest Dich dem Fenster, Du gabst einige Befehle, und ich habe Deine geliebten Züge betrachten können. Du warst bleich, aber diese Blässe steht Dir so gut, dass Du ohne sie vielleicht minder schön wärest. Deine Familie war um Dich versammelt, Du gingst hinunter. T... ging Dir voran, und ich habe Dich einen letzten Augenblick betrachtet, als Du, Dich aus der Wagentüre lehnend, einen Blick auf jene Mauern warfst, wo mein Herz vor Schmerz zitterte. Außer mir folgte ich Deinem Wagen, er wandte um, und ich habe ihn nicht wieder gesehen. Mögen die Engel über Alma wachen! Alles war für mich aus! An die Erde durch Pflichten gekettet, welche meine Pein verlängern, schreibe ich Dir, aber mein Verstand verwirrt sich, und ich leide so grausam, dass kein Zusammenhang in meinen Gedanken ist. Alma, meine angebetete Alma, wer bist Du, um Dich so aller Kräfte meiner Seele bemeistern zu können? Welches Geschick hat mich Dir in den Weg geworfen, um so von diesem verheerenden Feuer verzehrt zu werden, das alle meine Leidenschaften, alle meine Aussichten zerstört, und mir keine andere Fähigkeit gelassen hat, als die, Dich zu lieben? Dein letztes Billet, diese geliebten Züge, welche die Spur einer Träne trugen, dies Andenken, welches Deinen Namen trägt, sind hier vor mir, das ist mein einziges Gut; es hätte in meinen Augen ein Vorbote der Hoffnung sein können, wenn die düstere Verzweiflung und traurige Ahnungen dieser wohltätigen Stütze Raum ließen. Das Wetter ist fürchterlich, die Kälte schneidend; meine Alma ist ihr ausgesetzt; sie wagt eine so beschwerliche Reise, um einem Vater, dessen Stütze und Ruhm sie ist, einige Tage der Zufriedenheit zu gewähren; die sanfte und edle Seele, deren göttliches Gepräge ihre Züge tragen, begeistert sie, das Gute zu tun, sich ohne Prahlerei den ächten und aufrichtigen Tugenden zu weihen. Ihre Freundschaft hat auf die Neige meiner Tage einen Strahl unaussprechlichen Glücks ergossen! Durfte ich glauben, dass meine Glückseligkeit von langer Dauer sein könnte? nein, das war kaum wahrscheinlich. Alma durchstiegt andre Länder, um in den Herzen Entzücken und Liebe zu verbreiten; das meine hat Alles gehabt, was es haben konnte; es hat gelebt, es hat himmlische Gefühle empfunden, es ist Zeit, dass es stirbt. Wie undankbar bin ich, meine unnütze Klagen Deinem glücklichen Dasein in den Weg zu werfen. Ich werde es nicht wieder tun, meine teuerste Alma; ich werde meine Schmerzen verschweigen, und nur an die Erkenntlichkeit denken, welche ich Dir schuldig bin; Du hast mich auf immer von meinen Irrtümern befreit; kein Weib kann nach Dir weder meine Einbildungskraft, noch mein Herz bewegen; keine andere Meinung, als die Deinige kann mich interessieren, und dieser darf ich gewiss sein. Du hast mich gegen alle Glückswechsel des Lebens ruhig gemacht, und eine sanfte Färbung hat sich bis auf das Bild des Todes vor mir ausgebreitet; dies sind so viele unermessliche Vorteile, die alle von Dir herrühren. Ich habe diese Nacht schreckliche Träume gehabt, sie betrafen Dich; ich kann sie aus meinem Gedächtnisse nicht entfernen, so schmerzhaft ist es davon durchdrungen. Drei Tage sind seit Deiner Abreise verflossen. - Mein Gott, soll ich denn mein ganzes Leben lang so leiden! Alma, meine Angebetete, wo bist Du jetzt? Möchtest Du bald bei Deinem Vater anlangen, und dort Zufriedenheit und Ruhe finden! - Mein Herz wird sie entfernt von Dir nie haben; indessen werde ich ruhiger sein, wenn ich Dich am Ziele Deiner Reise weiß, wo neue Erfolge Deiner warten, und um so größere, als man in Deiner Abwesenheit gesehen haben wird, dass Nichts meine Alma zu ersetzen vermag. Dann wirst Du mit dem ganzen Glücke einer Künstlerin glücklich sein, und dieser Gedanke wird den Leiden Deines Freundes eine Erleichterung gewähren. Ich bin diesen Morgen zu E... gegangen; es ist das erste Mal, dass ich mich seit Deiner Abreise entschließe auszugehen und mich dem Hause zu nähern, wo Alles mich an ein unwiederbringlich verlorenes Glück erinnern musste. E... war nicht zu Hause, und es war besser für mich, sie nicht getroffen zu haben, denn ich war zu bewegt. Ich bringe ganze Tage allein zu; der Anblick der Menschen ist mir lästig; ich befinde mich in einer Lage, wo die Verzweiflung die einzige Nahrung der Gedanken ist, und wo das Herz mit Abscheu Alles von sich stößt, was es dem Gefühl seines Schmerzes entzieht. Meine Alma, ich bin versucht zu glauben, dass Du, wie der Gott der Bayadere, ein Wesen göttlicher Natur bist, welches verurteilt ist, einige Zeit auf der Erde zu weilen, um in den Herzen den Funken der reinen Liebe zu erwecken, und eines Tages wirst Du, wieder zu Deiner himmlischen Wohnung hinaufsteigend, denjenigen mitnehmen, welcher Dich am innigsten geliebt. Ich hatte meinen Brief nicht auf die Post geben lassen, weil ich dachte, dass ich vielleicht bald von Dir einen erhalten würde. Diesen Abend ist er angekommen, dieser engelgleiche Brief! Meine angebetete Alma, die Freude presst mir das Herz; das ist ein köstliches Weh, an dem man sterben möchte. Meine Vielgeliebte, verfüge über mich, wie über einen Menschen, der Dir sein Dasein geweiht hat, der Alles auf der Welt wagen, für seine geliebte Alma wagen und ertragen würde. Gott mache mit mir, was er wolle, er hat mir in Dir die größte Wohltat gegeben, welche meine Seele verlangen konnte; deshalb darf ich mich über Nichts mehr beklagen. Möge es ihm gefallen, Dich glücklich zu erhalten, möge Deine Freundschaft für mich beständig sein; dies ist die Hoffnung meines Lebens; denn das Glück, immer in Deiner Nähe zu sein, ist ein Traum, mit welchem ich mich zu verlocken nicht wage. Ich fürchtete, dass Du mich vergessen hättest; nicht etwa, dass ich an Deinem vortrefflichen Herzen gezweifelt hätte, sondern weil es in Deiner glänzenden Laufbahn der Tätigkeit und des Ruhms ganz einfach wäre, die Abwesenden leicht zu vergessen. Lebe wohl, Seele meiner Seele, meine schönste, meine entzückendste Alma; erinnere Dich, dass Du mir gesagt hast, wir sollten uns ohne Zwang schreiben, wie Personen, welche auf immer durch die vertrautesten Bande verknüpft sind; dies war Dein eigener Ausdruck.